
Susanne Bartels ist eine in München lebende Fotografin und visuelle Künstlerin. Ihre Arbeit bewegt sich zwischen Street Photography, psychologischem Porträt und visueller Poesie.
Im Zentrum steht das Ephemere – jene flüchtigen Übergangszustände, in denen das Alltägliche ins Surreale kippt und das Sichtbare sein zweites Gesicht offenbart. Sie arbeitet überwiegend in Schwarzweiß, um Ablenkungen zu reduzieren und emotionale Resonanz, symbolische Spannung und narrative Mehrdeutigkeit herauszuarbeiten.
Ihre Projekte thematisieren Identität, Verletz-lichkeit und die Masken des Alltags ebenso
wie die fragile Kraft des Poetischen. Kinder als „Zwischenwesen zwischen Puppe und Mensch“, Reflektionen, Figuren hinter Glas und choreo-grafisch anmutende Straßenszenen prägen
ihre Bildwelt.
Bartels’ fotografische Handschrift ist projekt-basiert und konzeptionell. Sie wurde unter anderem von Steve McCurry, David Alan Harvey und Nicos Economopoulos geprägt und war in zahlreichen Ausstellungen vertreten, etwa bei den Rencontres d’Arles (OFF). 2025 erschien ihr Fotobuch City Surfers.
Diese drei Bücher begleiten mich, weil sie auf unterschiedliche Weise zeigen, was mir selbst in der Fotografie wichtig ist: Empathie, Nähe und die Suche nach dem Poetischen im Alltäglichen. Pavlos Kozalidis berührt mich mit seiner menschlichen Wärme und seinem Humor, Gianni Berengo Gardin mit seiner Klarheit, Eleganz und seiner unerschöpflichen Schaffenskraft, Mary Ellen Mark mit ihrer kompromisslosen Empathie und Wahrhaftigkeit. Jedes Buch eröffnet eine eigene Welt – und doch verbindet sie ein gemeinsamer Kern: Fotografie als Begegnung. Begegnung mit Menschen, mit ihren Geschichten, mit dem Ephemeren des Augenblicks. Genau in dieser Haltung erkenne ich auch meinen eigenen Weg wieder.

Pavlos Kozalidis – Searching for a Lost Homeland
Mich berührt an den Bildern von Pavlos Kozalidis die Mischung aus Poesie, Humor und einem fast musikalischen Rhythmus, der einen beim Betrachten trägt. Sie sind nicht bloße Dokumente, sondern Begegnungen voller Empathie – man spürt den großen Humanisten hinter der Kamera, den bärbeißigen Mann mit dem weichen Herzen. Seine analoge Fotografie lässt die Aufnahmen oft anachronistisch wirken, wie aus der Zeit gefallen, und genau das verleiht ihnen ihre besondere Kraft. Die Menschen, die er zeigt, erscheinen einzigartig und zugleich universell. Seine Handschrift ist unverwechselbar, getragen von Nähe, Wärme und einer Meisterschaft der Komposition. Diese Haltung hat mich tief geprägt: Fotografie als Resonanzraum, in dem das Ephemere, das Verletzliche und das Menschliche sichtbar werden.
Gianni Berengo Gardin – L’occhio come mestiere
Gianni Berengo Gardin hat mich gefangen genommen, seit ich in Venedig erstmals mit seinen Bildern in Berührung kam. Niemand hat diese Stadt so gezeigt wie er: mit seiner einzigartigen Bildsprache, durchdrungen von Klarheit, Eleganz, Empathie und einem feinen Sinn für Humor. Ich bewundere seine unglaubliche Schaffenskraft bis zum Ende seines Lebens: Über 250 Fotobücher hat er veröffentlicht, jedes getragen von Leidenschaft und Hingabe. Eine große Retrospektive seines Lebenswerks, L’occhio come mestiere, wurde 2022 im MAXXI in Rom gezeigt; das dazu erschienene Buch, das ich ausgewählt habe, ist aus dieser Kuratierung hervorgegangen und umfasst alle seine Schaffensperioden – ein Konzentrat seines Lebenswerks. Seine Werke atmen Bewegung und Passion, verbinden Strenge mit Menschlichkeit, Ernst mit Leichtigkeit. Besonders seine einmalige Fähigkeit, Bildgeschichten zu komponieren, ist für mich eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Seine Arbeit hat meinen eigenen Blick von Beginn an geprägt und mich ermutigt, im scheinbar Unspektakulären das Poetische aufzuspüren – eine Haltung, die mich trägt.


Mary Ellen Mark – Encounters
Mary Ellen Mark hat mich tief geprägt durch ihre kompromisslose Nähe zu Menschen. Ihre Bilder sind voller Empathie, zugleich zart und schonungslos, immer ehrlich und von großer Würde getragen. Sie verstand es, das Leben an seinen Rändern sichtbar zu machen – ohne Sensation, sondern mit Respekt, Wärme und einer tiefen Humanität. Ihre Porträts berühren mich besonders: sie zeigen Verletzlichkeit und Stärke zugleich, oft in einem einzigen Blick. Jedes ihrer Projekte ist eine völlig eigene Welt – und doch erkennt man sofort Mary Ellen Marks Auge, das all diese Welten verbindet. Ich bewundere ihren Mut, ihre Klarheit und ihre Konsequenz, mit der sie Menschen wirklich begegnete. Diese Haltung inspiriert mich: Fotografie nicht als distanziertes Beobachten, sondern als Beziehung – ein Raum, in dem das Menschliche im tiefsten Sinne sichtbar wird.