„Was ich sehr interessant finde, dass junge Künstler und junge Fotografen, also eine neue Generation, die eigentlich sehr dem Digitalen anhängt, dieses analoge Medium Buch so zu schätzen weiß und es toll findet, dass sie ein Buch über ihre Arbeiten in den Händen halten kann.“

Bernd Detsch ist Buchhändler aus Leidenschaft.

ARTBOOKCOLOGNE ist inzwischen zu einer Institution geworden, wie kam es 1997 zur Gründung?

Es ist ganz wichtig darauf hinzuweisen, dass es natürlich eine Zeit vor der Gründung meiner eigenen Firma 1997 gab, nämlich mehr als 16 Jahre für Walther König zu arbeiten. Der Mann, der so einflussreich war für mein berufliches Leben wie kaum einer anderer. Dessen Idee des Buchhandels, speziell des Kunstbuchhandels ich übernommen habe.

Ich habe erstens unglaublich viel lernen und ausprobieren können, weil König sehr großzügig war, mir die Freiheiten ließ, auch Fehler zu machen. Zweitens wurde ich jeden Tag klüger, kann man sagen, mit jedem Buch, das ich da dankenswerterweise in der Hand halten durfte. Die Fülle der Bücher, die da über die Jahre und Jahrzehnte angeboten wurden, die würden heute eine veritable, exzellente Kunstbibliothek bilden. Nicht nur Künstlermonographien, sondern auch wichtige Ausstellungskataloge, Künstlerbücher, Fotobücher und so weiter. Mit dieser Erfahrung im Rücken und mit einem gehörigen Maß an Naivität ging ich ins Risiko mit der Gründung von ABC. Nach fast fünfundzwanzig Jahren kann ich sagen, dass das Konzept aufging und auch in Zukunft – unter der Leitung meines Sohnes Felix Biehler – funktionieren wird.

Was ist der Unterschied zwischen ARTBOOKCOLOGNE, ARTBOOKSONLINE und ARTBOOKSAAR?

Artbooksonline ist die Einzelhandelsseite, die hat damals mein Sohn initiiert. Sie lief die ganze Zeit so eher bescheiden nebenher und hat sich aktuell zu einer perfekten Ergänzung entwickelt. Artbookcologne ist die Großhandelsfirma, Artbooksonline für Endkunden. Artbooksaar ist einfach der Ableger, aus Altersgründen ziehe ich ins Saarland zurück, wo ich geboren bin. Meine Eltern haben mir ein Haus hinterlassen und das beseele ich jetzt mit Büchern und Kunst. Eine Kombination aus Antiquariat, Sonderangeboten, Neuerscheinungen. Dazu kommen Vorzugsausgaben, Editionen, Graphiken und Fotografien.

Was wäre der richtige Begriff für das, was Du tust?

Der technische Begriff ist Modernes Antiquariat. Der Begriff hört sich so modern an, ist aber aus dem 19. Jahrhundert. Schon im 17. Jahrhundert gab es die sogenannte „Preisschleuderey“, das heißt der Buchhandel mit reduzierten Preisen. Kein Verleger träumt davon; aber durch die gigantische Überproduktion ist es fast zwangsläufig, daß der Handel all dies nicht aufnehmen kann. Dies gilt natürlich im gleichen Maße für das illustrierte Buch, für das Kunstbuch, für das Fotobuch, für die Architekturbücher, das wird oft am Markt vorbei produziert.

Was ich sehr interessant finde, dass junge Künstler und junge Fotografen, also eine neue Generation, die eigentlich sehr dem Digitalen anhängt, dieses analoge Medium Buch so zu schätzen weiß und es toll findet, dass sie ein Buch über ihre Arbeiten in den Händen halten kann.

Aber die Bücher, die quasi auf dem Markt nicht mehr laufen, landen bei Dir. Bist Du derjenige, der ihnen dann neues Leben einhauchen kann?

Die Idee des zweiten Lebens war die euphemistische Umschreibung meines Tuns. Das war die Geschäftsidee, hochwertige Bücher zu finden, die sich nicht haben verkaufen lassen. Wir haben durch unsere Spezialisierung ausschließlich auf das illustrierte Buch, auf Kunst und Fotografie, auf Architektur und Design, Popkultur etc., natürlich eine Marktlücke gefunden und eine Distribution geformt, die es in dieser Form weltweit nur einmal gibt.

Und dann wird man über die Jahre eben zum Spezialist für die Spezialisten und dann sprechen einen auch Verlage und Museen direkt an und man muss nicht immer nur betteln gehen wie zu Beginn.

 

Bist Du immer noch von Kunstbüchern oder Fotobüchern fasziniert, oder hat sich inzwischen, über die Jahre, Deine Leidenschaft an ihnen abgenutzt?

Nein, überhaupt nicht, ich bin auch kein Sammler, ich sehe mich als ein Anhäufer, das heißt ich kann nicht vorbeigehen, ohne Bücher zu kaufen und besitzen zu wollen. Ein wenig populärer Ansatz – das ist natürlich heute in dieser Form nicht mehr existent – also nur wenige Ausnahmen und ein kleiner Prozentsatz meiner Kunden oder unserer Kunden überhaupt im Buchhandel will jedes Buch oder jedes wichtige Buch haben, die meisten sagen „oh Gott, diese Staubfänger das brauche ich nicht, es gibt ja eh alles im Internet, wir brauchen keine Bücher mehr.“  Aber ich bin noch da, gehöre zu einer aussterbenden Spezies, die gerne Bücher um sich herum hat und die Idee der raschen Verfügbarkeit schätzt. Das ist ein bisschen wie in einem Küchenregal Gewürze zu haben, die man eigentlich nur einmal im Jahr benutzt. Ich möchte sie aber trotzdem haben.

Was sagst Du jemandem der am Anfang steht und ein Fotobuch veröffentlichen möchte?

Ich neige in zunehmendem Alter sehr zu Pessimismus, was das angeht. Zumal die Bücherproduktion etwas sehr Teures ist. Dann beginnt der Verteilungskampf zwischen dem Künstler, dem Fotografen, dem Autor und denjenigen, die an dem Vertrieb beteiligt sind oder an der Herstellung. Wir haben mit hohen Herstellungskosten zu rechnen, es müssen höhere Auflagen gemacht werden, damit es sich halbwegs rechnet, dann müssen die Kosten für Vertrieb irgendwie erwirtschaftet werden und das macht das Ganze sehr sehr teuer. All dies berücksichtigend, rate ich zum Digitaldruck, der eben vielleicht für das Einzelexemplar teurer ist, aber dafür muss man sich nicht total verausgaben für Geld und wenn dann von einer 50er Auflage 2 übrig bleiben ist das nicht so schlimm, wenn aber von einer 500er Auflage 200 oder 300 übrig bleiben ist das einfach schlecht. Wir als Zweitverwerter können auch nicht alles schaffen.

Wohlgemerkt: das hat nichts mit der Qualität des Buches zu tun, sondern ausschließlich mit den Verwertungsmöglichkeiten. Wenn also ein Buch eines Fotografen, nehmen wir mal Steven Gill, wahrlich kein unbekannter Fotograf, wenn der zu viel produziert, hat auch er Probleme, diese Bücher entsprechend zu vertreiben. Dann ist eine zu euphorische Kalkulation der Auflage daran schuld; es ist auch verführerisch, wenn der Drucker sagt „also passen Sie auf, wenn sie statt zweitausend viertausend drucken, kosten die nächsten zweitausend ja nur noch zwei Euro“ oder so, was ja auch richtig ist, weil der Fortdruck halt logischerweise billiger ist, aber dann sitzt man auf viertausend Exemplaren und der Markt gibt vielleicht nur achthundert her. Und das ist desillusionierend für alle Beteiligten. Und die Zweitverwertung ist nicht mehr die Lösung. Der Markt nimmt es nicht mehr auf.

Und das hat wiederum damit zu tun, dass das Fotobuch eine Art Renaissance erlebt hat und jeder, der halbwegs eine Kamera halten kann, sein eigenes Buch machen möchte. Das Hauptproblem ist der Vertrieb, es gibt keine professionellen Vertriebe mehr, die so etwas erwirtschaften können. Wenn ein Buch hergestellt ist, ist das ja nicht das Ende. Man braucht einen Verlag, der einem die ISBN gibt, es soll dann gelistet werden, es soll ein Verlag sein, der eine gute Distribution hat, also eine technische Abwicklung so dass jeder Buchhändler schnell das Buch bekommen kann. Man benötigt eine Schar von Vertretern, nicht nur im Inland, um das Buch überhaupt mal zu zeigen, einem Buchhändler mal vor die Nase zu halten. Das geschieht in den seltensten Fällen. Durch die Konzentration im Buchhandel gibt es meist nur noch große Buchhandelsketten, die sortieren solche Verlage sofort aus, die werden überhaupt nicht erst empfangen. Die unabhängigen, meist kleineren Buchhandlungen, lohnen den Besuch nicht, selbst wenn da engagierte Leute vor Ort sind. Das heißt, man braucht begleitend eine Besprechung in der FAZ oder irgendeines der Print-Medien; auch wenn ein Blogger, ein einflussreicher, ein Buch bespricht, ist die Wahrscheinlichkeit, dass dann mal 10-15 bestellt werden hoch, aber es wird nie so sein, dass daraus ein Bestseller entsteht, der dies alles rechtfertigt. Wie immer gibt es die Ausnahmen. Besprechungen in Presse, Funk, Fernsehen, Social Media können zu einem Erfolg führen. Aber das ist eher die Ausnahme, die die Regel bestätigt.

Hier in Homburg Saar hast Du ja einen sehr schönen Laden, ein Buch-Antiquariat, machst aber auch Ausstellungen, wie jetzt Marcel Duchamp …

Meine Eltern hinterließen mir dieses Haus; was ich hier aufgebaut habe auf mehreren hundert Quadratmetern, könnte ich mir nie in meiner zweiten Heimat Köln erlauben, es wäre unbezahlbar. Neben dem Buchladen und der spezialisierten Sammlungen steht eine frühere Wohnung zur Verfügung, wo ich Ausstellungen organisiere, die sich ausschließlich mit Künstlern beschäftigen, deren Arbeit sich im Buch geäußert hat. Entweder gibt es eine unglaubliche Menge an Sekundärliteratur oder Künstler schufen sogenannte Künstlerbücher. Oder auch Fotografen, für die das Buch eine bedeutende Möglichkeit künstlerischen Ausdrucks bedeutet.

Begonnen habe ich mit einer Übersichtsschau zum Werk von LAWRENCE WEINER. Den Pionier der konzeptuellen Kunst konnte ich mit einer Vielzahl an Bücher, Plakaten, Zeichnungen etc.. ehren. Mit DAIDO MORIYAMA präsentierte ich einen Fotografen, der ein unerschöpfliches Reservoir an Büchern vorgelegt hat. PETER PILLER hat seine Ausstellung bei mir persönlich aufgebaut (aus Anlass der Neuauflage des wunderbaren Buches „Von Erde schöner“).

Und aktuell ist es MARCEL DUCHAMP, der wichtigste und einflussreichste Künstler des 20. Jahrhunderts. Seit den frühen 80er Jahren habe ich Bücher und Materialien gesammelt über sein Werk. Ich bin stolz, dass ich fast vollständig das publizistische Werk von und über ihn präsentieren kann. Das wird umrahmt von Postern, von Ephemera, von Einladungskarten, von Fotografien…

Die Ausstellung wird noch bis Ende September laufen, danach gibt es eine Ausstellung mit dem New Yorker Fotografen JEFFREY LADD. Er hat eine wunderbare Serie geschaffen: Der Titel „The Awful German Language“ zitiert Mark Twains satirischen Essay, der die Skurrilitäten, Absurditäten und Widersprüchlichkeiten des Deutschen schildert. Es ist die Kombination von fotografischen Bildern und von Worten, die ihm begegneten. Quasi der illustrierte Lernprozess des Künstlers. Eine sehr, sehr lustige Kombination, mit sehr guter Fotografie und eben auch mit diesen für uns Deutsche irritierenden Wörtern. Das ist eine Kombination, wo man auf der einen Seite das visuelle, das Bild aufnimmt, auf der anderen Seite den Text. Etwas, worauf ich mich sehr freue.

Muss man sich für die Ausstellung anmelden oder gibt es Öffnungszeiten?

Da ich ja immer noch den Teil meiner Zeit in Köln verbringe, ist es immer besser das telefonisch oder per Mail zu machen.

Mobil: +49 172 1004400
Mail: b.detsch@art-book-saar.de

www.artbooksonline.eu
www.artbookcologne.com